#mustsee 2

 

Die Galerie Ursula Walter reagiert auf die Lage der derzeit unzugänglichen Kunsträume: Sie geht nach Draußen und bespielt mit dem Projekt #mustsee 1-8 eine naheglegene Werbesäule. Seit Januar an dreh(t)en sich dort statt Reklamebotschaften die Werke von Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz (feat. by Jochen Stankowski) Ulrike Grossarth, Victoria Lomasko, Isabelle Krieg...

Victoria Lomasko

12.2.-11.3.2021

Mit der Moskauerin Victoria Lomasko dreht sich #mustsee ein zweites Mal und schließt nahtlos an das Thema der ersten Runde an: Mit großen Mut und ohne Angst vor Didaktik wagt sich Lomasko an politische Themen und bringt sie symbolisch auf den Punkt. Darin gleicht sie jener kompromisslosen Künstlerin, die sie als ihr Vorbild bezeichnet: Käthe Kollwitz. Lomasko widmet sich dem Widerstand gegen autoritäre Staatsgewalt in ihrer Heimatregion. Dass der mutige Bürgeraufstand in Belarus und die damit verbundenen Repressalien hierzulande kaum ins Bewusstsein gedrungen sind, hat sicherlich mit mediengesteuerten Dringlichkeiten zu tun: die Pandemie und der US-Wahlkampf schieben sich vor Flüchtlingselend und vermeintlich regionale Konflikte. In diesem Sinne lenkt der drehbare Leuchtturm von #mustsee unseren Blick in eine andere Richtung. Und vielleicht erinnert Lomaskos Tableau die eine oder den anderen daran, dass demokratische Freiheiten anderswo keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Frage des Überlebens sind.     

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Victoria Lomasko

Die russische Zeichnerin Victoria Lomasko (*1978) ist schon lange über ihre Bekanntheit als Gerichtsreporterin hinausgewachsen. Doch ihre kreativen und aktivistischen Wurzeln finden sich genau dort: in den Verhandlungssälen in und um Moskau. Dort entdeckte die studierte Grafikerin und Illustratorin ihre Berufung. Im Selbstauftrag nahm sie 2010 am Blasphemie-Prozess gegen die Kuratoren Andrej Jerofejew und Juri Samodurow teil. Die dort entstandenen Zeichnungen wurden seitdem unter dem Titel „Verbotene Kunst“ weltweilt als Graphic Novel veröffentlicht. Noch mehr internationales Aufsehen erregte im August 2012 die Anklage gegen drei junge Frauen, die unter dem Punklabel „Pussy Riot“ gegen den korrupten Schulterschluss von Staat und Kirche protestiert hatten und dafür in die Strafkolonie wanderten. Während der Prozesse dokumentierte Lomasko nicht nur Angeklagte, Kläger und Gerichtspersonal, sondern schrieb auch stets deren Worte mit. Im Anschluss versieht sie ihre comic-haften Szenen mit passenden Sprechblasen wie etwa „Dieses Gericht drückt nur den Willen eines einzigen Menschen aus!“

Die Relevanz ihrer Arbeiten nahm im Putinschen Großreich ständig zu und ermutigte sie, das intime Format ihres Skizzenbuches zu verlassen. So trat sie bald mit großen Wandgemälden in Erscheinung, auf denen sie politische und soziale Missstände vorführt. Auch an dieser Schnittstelle zur Street Art bleibt dabei ihrem konturierten Stil treu, der stets dokumentarische Authentizität nahelegt. Doch anders als in den narrativen Bildfolgen, verdichtet sie in den Großformaten eine kritische Ikonografie mit Wiedererkennungswert. So würdigte sie etwa 2015 den ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow mit der Darstellung seines Todesorts an der Kremlmauer. Täglich von Ordnungskräften beseitigt, legten Demonstranten dort ständig Blumen, Kränze und Spruchtafeln ab, um an die Ungeheuerlichkeit des Vorfalls zu erinnern.

Mit ihren Bildbotschaften ist Lomasko weltweit an progressiven Kunstinstitutionen präsent. Ihre Themen findet sie jedoch nach wie vor in der Misere Russlands und der postsowjetischen Region. So reiste sie im Frühherbst 2020 umgehend nach Belarus, um dort die noch andauernden Erhebungen gegen das autokratische Regime von Lukaschenko und dessen monströse Wahlfälschung zu dokumentieren. Für die zweite Auflage von #mustsee hat Victoria Lomasko ihre bedrückenden visuellen „Souvenirs“ in einer Art Triptychon zusammengeführt. So sehen wir in der oberen Bildhälfte jeweils mit starken Farben Szenerien des Protests – auch gegen die neu geschürte LGBTQ*-Feindlichkeit der Region. Im unteren Teil scheint ihr klarer Strich den Ursprung des jeweiligen Übels aufzuspüren: den Mangel an Solidarität, unreflektierte Gewalt oder die Hoffnungslosigkeit einer noch in der Sowjetunion sozialisierten Generation. All diese komplexen Probleme von Vergangenheit und Gegenwart bettet die Künstlerin in eine Art Endzeitstimmung ein: der Wald aus abgestorbenen Bäumen oben und in der Unterwelt tiefe Wurzeln, die mit den menschlichen Figuren untrennbar verflochten sind.

Text: Susanne Altmann

​Januar - September 2021

Das Projekt #mustsee 1-8 wird im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR von der Stiftung Kunstfonds Bonn und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert.

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