Kostbar

Judy van Luyk

Temporäre Intervention am Gebäude Sidonienstraße 18, 01069 Dresden

September 2020 - Juni 2021

Eröffnung: 11.9.2020, 18 Uhr

Grußwort: Dr. David Klein, Leiter des Amtes für Kultur und Denkmalschutz, Landeshauptstadt Dresden

Einführung: Mathias Wagner, Leiter der Kunstkommission Dresden

gefördert von der Kunstkommission Dresden

Fotos: Judy van Luyk 

Kostbar

Temporäre Intervention am Gebäude Sidonienstraße 18, 01069 Dresden

September 2020 - Juni 2021

 

Über kulturelle und bauliche Kostbarkeiten verfügt die Stadt Dresden im Übermaß. Am wenig ansehnlichen Wiener Platz jedoch, gegenüber vom Hauptbahnhof, würde niemand besondere Schätze vermuten.

Und doch behauptet Judy van Luyk, Künstlerin aus der Partnerstadt Rotterdam, ausdrücklich genau das. Bis zum Sommer 2021 markiert sie das Gebäude Sidonienstraße 18 weithin sichtbar als „KOSTBAR“. Städtische „Unorte“, von Einheimischen zwar gerne ausgeblendet und von Touristen gemieden, lassen Künstler*innenherzen jedoch regelmäßig höher schlagen. Denn erst Narben und Brüche zeigen eine Stadt als lebendigen Organismus. Öffentliche Kunstwerke, wie sie van Luyk schon in vielen Städten realisiert hat, akzentuieren derlei Konflikte anstatt zu verschönern. Die Fläche zwischen Sidonienstraße und Wiener Straße bildet seit Jahrzehnten eine solche, vielschichtige Problemzone. Große, ehemalige Verwaltungsgebäude stehen leer und bieten einen ruinösen Anblick. Fast könnte man noch Kriegsschäden vermuten. Doch dem ist nicht so, denn der Leerstand trat erst nach der deutschen Wiedervereinigung, in den 1990er Jahren auf. Während in unmittelbarer Nähe ein Investorenbau nach dem anderen entstand, gab es für den Altbestand keine Verwendung.

 

Judy van Luyks Intervention findet an jenem Haus statt, das sich keines besonderen Schauwertes erfreut. Schließlich ließ es das Unternehmen Siemens 1935 vermutlich rasch hochziehen, als die bisherigen Räume der Dresdner Niederlassung zu eng wurden. Warum ist ausgerechnet das alte Siemenshaus nun KOSTBAR? Wenn es in Kürze saniert wird, dann hat es zwei Zerstörungen überlebt: Es brannte 1945 fast vollständig aus, wurde wieder aufgebaut und bis 1990 von diversen Elektromaschinenbetrieben genutzt. 30 Jahre lang verfiel es langsam, aber stetig. Das Haus ist ein Überlebenskünstler, ein stummer Zeuge mehrerer gesellschaftlicher Umwälzungen und allein deshalb kostbar. An der Hauptfassade und einer Schmalseite, über die Höhe von drei Stockwerken, hüllt es die Künstlerin in ein fotografisches Banner ein.

 

Das Motiv ist täuschend dreidimensional, gleicht es doch einer vielfach durchbohrten Mauer. In der Mitte verdichten sich die Bohrlöcher zu dem Schriftzug KOSTBAR. In bildhauerischer Manier hat van Luyk in ihrem Atelier die Vorlage für das Motiv geschaffen, indem sie Gipskartonplatten systematisch mit der Bohrmaschine punktierte. Sie vollzog einen Akt der Zerstörung, der auch nach der Vergrößerung zum einem Banner genauso wirkt. Sogar an Einschusslöcher lässt das so entstandene Muster denken, an Gewalt. Das ist kein Zufall, den van Luyk begegnete während ihres Stipendienaufenthalts in Beirut (Libanon) 2018 einer Stadt, deren Oberflächen noch immer vom Krieg gezeichnet waren. KOSTBAR ist alles, was Menschen Obdach und Existenzmöglichkeiten bietet. Insofern verhüllt die Künstlerin das Gebäude nicht wirklich, sondern enthüllt es symbolisch als versehrt und verletzlich. Als ein Überlebender, der gesellschaftliche und politische Verantwortung innerhalb unserer Luxuswelt anmahnt.

Susanne Altmann