"i" is for thinking

 

Mirjam Kroker

10.9.-23.10.2021

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Von den Malern der altägyptischen Gräber über Dante und Caspar David Friedrich bis hin zu Emily Dickinson: Immer wieder waren es Künstler*innen, die sich dem Unfassbaren, Ungreifbaren, Undenkbaren gestellt haben. Stets gehörte viel Mut dazu, die schwindelerregenden Erfahrungen des Denkens über unsere Existenz und das Universum in Literatur und Bilder zu übersetzen.

 

Mirjam Kroker (*1982) stellt bereits im Ausstellungstitel ihre philosophische Stoßrichtung klar: „i“ is for thinking/ etwa: „i“ steht für Denken. Kein Wunder, dass sie häufig das mathematische Zeichen für Unendlichkeit ꝏ verwendet. Bei der Arbeit „The Planetary Art World/ Die planetarische Kunstwelt“ steht diese Schlaufe für den potenziell endlosen Schaffensprozess. In Mirjam Krokers Fall ist dieser Prozess sowohl intellektueller wie auch manueller Natur: „Ich denke mit den Händen.“ (M.K.) Nicht umsonst hat die studierte Anthropologin ihre künstlerische bzw. bildhauerische Ausbildung in Dresden bei Martin Honert erfahren. Wenn sie etwa Meyers dicken Weltatlas (1979 in Westdeutschland erschienen) quer in fünf saubere Teile zersägt, dann ist die resultierende Skulptur ein Denkmodell. Darüber, wie sich die Welt seitdem verändert hat – geopolitisch, technologisch, klimatisch, geologisch. Die Einladung, per Hand aus den fünf Fragmenten ganz neue Zusammenhänge oder Erkenntnisse zu konstruieren, ist ein künstlerischer Appell an die Betrachter*innen, eingefahrene Denkrichtungen umzukehren.

Oder allein Krokers Verwendung der Bezeichnung „planetarisch“ für die so genannte Kunstwelt unterminiert verfestigte Kategorien von Kunstgeschichte, Kunstmarkt, Rankings, ethnischen und Genderklischees usw. usf. Hier schließt auch ihre ältere Arbeit „Beyond Venice/ Jenseits von Venedig“ an, wo sie eine alphabetischen Index jener 84 Länder erstellte, die 2019 eben nicht mit einem Beitrag auf der angeblich globalen Kunstschau vertreten waren.

Und schon öffnete sich ein viel größeres Feld der Reflexion: Wurden Begriffe wie „global“ oder „globalisiert“ nicht einmal geprägt, um die Welt als Einheit zu fassen? Heute dienen sie eher dazu, Zersplitterungen und Konflikte zu beschreiben. Genau deshalb verwendet Mirjam Kroker das Wort „planetarisch“ so gerne, weil es „nach  Alternative oder Reparatur klingt, nach einem Bewusstsein für unsere Verantwortung gegenüber dem Planeten im Anthropozän.“ (M.K.) Aus knappen Videos mit Satellitenaufnahmen, Wolkenbildern, einer Aufnahme vom Meeresrauschen formuliert die Künstlerin geradezu zärtliche Gesten an das Universum, an uns mittendrin, und die Aufforderung, ruhig einmal angstfrei in die Grenzenlosigkeit hineinzudenken. Um existierende Begrenztheiten aktiv zu bezweifeln. Es braucht ein wenig Geduld und poetisches Verständnis, sich auf den Denkraum von „i“ is for thinking einzulassen. Doch Mirjam Kroker bietet auch ganz irdische, humorvolle Ankerplätze, wenn der mind trip, der Gedankenflug zu schwindelerregend wird: die ungebrannte Tontafel trägt nicht sumerische Keilschrift, sondern einen digitalen QR-Code; der betagte Reisefernseher überträgt keine Informationen mehr, sondern wird von außen mit Zeichen bespielt und die in einen Kreis eingegipsten Flipflops verheißen erholsame Unbeweglichkeit.

Die Ausstellung wird gefördert von der Stiftung Kunst und Musik für Dresden und der Hermann-Ilgen-Stiftung.

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